
Auftrags- bzw. Purchase-Order-Finanzierung (PO-Financing) verschafft Unternehmen kurzfristige Liquidität, indem der Financier Material- und Dienstleistungskosten direkt beim Lieferanten übernimmt und dem Auftraggeber 30 – 180 Tage Zahlungsziel einräumt. Das Verfahren kommt ohne dingliche Sicherheiten aus, eignet sich aber nur für klar abgegrenzte, margenträchtige Aufträge. Das folgende Konzept zeigt, wie Sie innerhalb eines Quartals (3 Monate) eine tragfähige PO-Finanzierungslinie aufsetzen, die Ihr Wachstumsziel unterstützt, welche Unterlagen Sie vorbereiten müssen, wie Sie Kosten und Risiken steuern und welche KPIs Sie bis Quartalsende erreichen sollten.
1 Ausgangslage und Begriffsklärung
Definition: Auftragsfinanzierung ist die projektbezogene Vorfinanzierung von Material- oder Dienstleistungskosten, um große Bestellungen vorzufinanzieren, solange die Endkunden noch nicht zahlen.
Funktionsweise (3-Parteien-Modell): Financier zahlt Lieferant, Lieferant beliefert Endkunde, Endkunde zahlt an den Financier, der nach Gebühr den Rest an Sie auszahlt.
Typischer Rahmen: Linien ab 50 T€ bis 5 Mio €, Zahlungsziele bis 180 Tage, Bonität mind. mittelmäßig (Creditreform-Index < 295) oder Umsatz > 1 Mio €.
Abgrenzung: PO-Finanzierung ist transaktionsspezifisch und teurer als Kontokorrent oder Working-Capital-Loans, dafür schneller und oft ohne harte Sicherheiten.
2 Quartalsziel
| Zielkomponente | Kennzahl | Sollwert bis Quartalsende |
|---|---|---|
| Genehmigte PO-Finanzierungslinie | Kreditrahmen | 1 Mio € |
| Durch PO-Financing finanzierte Aufträge | Umsatzvolumen | 750 T€ |
| Durchschnittliche Durchlaufzeit | Bestellung → Zahlung | ≤ 90 Tage |
| Finanzierungskosten | Ø Gebühr | ≤ 4 % pro 30 Tage |
| Ausfallquote | nicht bezahlte POs | 0 % |
3 Finanzierungskonzept
3.1 Bedarfs- & Cash-flow-Analyse (Woche 1)
Forecast der PO-Pipeline nach Wert, Stückzahl und Marge.
Material- und Dienstleistungskosten je Auftrag → Liquiditätslücke.
Zahlungsprofile der Top-3-Kunden prüfen (60/90/120 Tage).
3.2 Finanzierungsinstrumente kombinieren
| Instrument | Einsatzzweck | Kosten* | Kommentar |
|---|---|---|---|
| PO-Financing / Finetrading | Materialeinkauf | 2,5 – 6 % p.m. | Bis 100 % Einkaufssumme, aber nur projektbezogen |
| Factoring | Nach Auslieferung | 0,8 – 2,5 % Factoring-Gebühr | Ergänzt PO, verkürzt DSOs |
| Unternehmerkredit | Dauerhafter Lagerbedarf | 4,5 – 8,9 % p.a. | Preiswert, wenn Linie ständig genutzt wird |
| Arbeitskapital-Kreditlinie | Puffer | variabel | Nur falls PO-Volumen Spitzen überschreitet |
*Richtwerte; konkrete Offerten während Woche 2 einholen.
3.3 Kosten- & Gebührenstruktur
Finanzierungskosten werden als Diskont oder Gebühr pro 30 Tage berechnet (typ. 1,8 – 6 %).
Zusätzliche Due-Diligence-Gebühr 400 – 600 € pro PO möglich.
Vergleichsangebote einholen und auf verdeckte Kosten (Wire-, Admin-Fees) prüfen.
3.4 Risiko- und Sicherheitenmanagement
Kreditversicherung / Rückversicherungslimit für jeden Endkunden prüfen (Voraussetzung vieler Financiers).
Basel-III-bedingte Bankenrestriktionen umgehen, indem bankenunabhängige Financiers genutzt werden.
Debitorenbonität > Investment-Grade; PO nur bei klarem Abnehmer akzeptieren.
3.5 KPIs & Covenants
Debt-Turnover-Ratio ≤ 1,2
Days Purchase Outstanding < 5 Tage (Lieferant wird sofort bezahlt).
Cash Conversion Cycle-Verkürzung um ≥ 25 %.
Reporting monatlich an Financier; Covenant-Bruch löst Re-Rating aus.
4 Zeit- und Maßnahmenplan (90 Tage)
| Woche | Aufgabe | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1 | Cash-Forecast, KPI-Definition, Unterlagen sammeln (BWA, Bilanz, PO-Liste) | Datenraum komplett |
| 2 – 3 | 3 Financiers pitchen; Term-Sheets vergleichen; Compliance-Prüfung | Auswahl & LoI |
| 4 | KYC, Bonitätsprüfung, Kreditversicherung einholen | Final Approval |
| 5 – 6 | Erste PO (Pilot) vorfinanzieren, Lieferantenzahlung, Warenversand | Pilot-Case abgeschlossen |
| 7 – 9 | Roll-out auf weitere Aufträge, Factoring-Partner anbinden | Laufender Betrieb |
| 10 – 12 | KPI-Review, Kostenvergleich, Nachverhandlung Gebührensatz | Zielerreichung dokumentiert |
5 Monitoring & Reporting
Tagesaktuelle Linie in Financier-Portal prüfen (Setscale & andere bieten 24h-Funding).
Wochen-Report: offener PO-Betrag, ausstehende Zahlungen, Fee-Accrual.
Quartals-Review: ROI der Finetrading-Gebühren vs. zusätzlicher Deckungsbeitrag.
6 Empfehlungen für den nächsten Schritt
Unterlagen sofort bündeln – vollständige Bilanz, aktuelle BWA, PO-Liste, Lieferantenangebote.
Financier-Shortlist (z. B. Factoring-Pool, Invesdor, bankenunabhängige Finetrader) parallel anfragen, um Gebührendruck zu erzeugen.
Kreditversicherer früh einbeziehen, weil Limitfreigabe kritischer Pfad ist.
Controlling-Dashboard aufsetzen (Liquidität, KPI-Ampel) – Basis für Boardsitzung am Quartalsende.
Damit haben Sie einen klaren, umsetzbaren Fahrplan, um binnen eines Quartals eine belastbare Auftragsfinanzierungsstruktur aufzubauen, Kosten zu optimieren und Wachstum ohne Liquiditätsengpässe zu sichern.
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